Versuch einer Verhaltensanalyse

Letztens war mal wieder eine Hunt. Das ist nichts besonderes, es laufen ja andauernd dutzende davon in SL, und zwischendurch MUSS ich sowas einfach haben. Diese hieß „XOXO“-Hunt und zeichnete sich dadurch aus, dass man zuerst im jeweiligen Shop ein bestimmtes Plakat finden musste; anschließend stellte man sich davor und sprach laut im Chat „XOXO“ – das bedeutet offensichtlich soviel wie „Küsschen“.  Wenn man nun Glück hatte, erhielt man das Huntgift, das vom Shopbesitzer zur Verfügung gestellt worden war, wenn man aber Pech hatte (und das geschah reichlich oft), erhielt man eine Meldung, man möge seine Fähigkeiten beim Küsschengeben verbessern. Das ganze durfte man nur einmal pro Tag = alle 24 Stunden wiederholen.

Also ehrlich: irgendwie war es mir grausam peinlich, mich vor den Augen anderer mitten in einen Laden zu stellen und „XOXO“ zu quäken. Damit auch jeder gleich wusste, dass man auf das Huntgift scharf war. Nichtsdestotrotz habe ich es natürlich getan, denn anders kam man ja überhaupt nicht an das gewünschte Teil dran. Auf diese Art habe ich immerhin das nette Kleid von Junbug ergattert, allerdings blieben mir die Stiefel von <NameVergessen> verwehrt. Ich gestehe auch, dass ich einmal ohne „XOXO“ das Geschäft verlassen habe, weil zu viele andere Avatare dieses Plakat umlungerten und ich mir vorkam wie eine streunende Straßenkatze, die „zufällig“ zur Fütterungszeit am Tierheim vorbeikommt.

In wiederum einem anderen Laden war offenbar das „XOXO“-Skript defekt, denn man erhielt weder ein Gift noch eine Meldung über den Mißerfolg. Hier nun wurde es eigentlich erst richtig unterhaltsam.
Ich hatte also schon einige Male mein Sprüchlein – erfolglos – aufgesagt, als eine vollbusige Blondine neben mir materialisierte. Höflich wie ich bin, schritt ich ein Stück zur Seite und hüllte mich in Schweigen. Die Dame war noch nicht richtig gelandet, da sprach sie schon „xoxo“ (in Kleinbuchstaben). Es tat sich nichts. – Pause. – Dann nochmal „xoxo“. – Pause. – Nachdenken.
– XOXO
– XOXO
– XoXo
– xOxO
– OXXX
– x – o – x – o
– xoxo

Mein Grinsen war inzwischen zu einem glucksenden Kichern gediehen, bloß gut, dass ich kein Voice habe.
Inzwischen war auch noch ein Herr gelandet, der augenscheinlich ebenfalls auf der Jagd nach dem Huntgift war. Und so entspann sich eine …. eine „Konversation“ kann man es nicht nennen, „Zwiegespräch“ eigentlich auch nicht. In einem verbissenen Wettbewerb testeten die Beiden sämtliche Schreibvarianten der Buchstabenfolge „XOXO“, ohne dass sich etwas tat. Doch, es tat sich etwas: ich hielt mir den Bauch vor Lachen und kam mit Tränenwischen nicht nach.

Das sind die Momente, in denen Second Life für mich persönlich seinen wahren Wert entwickelt. Man kann psychologische Studien noch und nöcher anstellen. Was treibt einen (vermutlich) erwachsenen Menschen dazu, sich in lächerlicher Weise vor anderen bloßzustellen, nur um ein paar rote Lederarmbänder aus Farbpixeln zu erhalten? Und: wie weit würde man sich selbst der Würdelosigkeit preisgeben, um schwarze Lederstiefel – ebenfalls aus Farbpixeln – kostenlos in sein Inventar aufnehmen zu können? Ist  immer noch der Ur-Instinkt des Sammelns und Jagens in uns aktiv, der sich erst virtuell zu wahrer Blüte entwickeln kann? Nimmt uns die vielzitierte Anonymität des World Wide Web jegliche Scham? Dabei ist man ja in Second Life nicht wirklich „anonym“ im exakten Wortsinn, denn man trägt ja einen Namen. Einen Namen, den man sich selbst gegeben hat und unter dem man mit anderen Menschen interagiert. Einen Namen, der – bei genauer Betrachtung – weltweiten Bekanntheitsgrad hat. Wenn’s dumm läuft, ist dieser SL-Name wesentlich bekannter als der RL-Name, der im Reisepass zu finden ist.

In „echt“ würde ich mich bei einem Schlussverkauf keinem Wühltisch auf mehr als 50m nähern. Ich bin diejenige, die immer noch auf dem Bahnsteig steht, wenn die überquellende U-Bahn abfährt, weil ich es nicht fertig bringe, mich irgendwo rein- oder vorzudrängeln. Sogar wenn man mir einen Ferrari als Preis anböte, würde ich mich in keiner „Reality show“ als lebensechter Volltrottel prostituieren. Wieso also mache ich in SL das alles mit? Und auch noch mit wachsender Begeisterung!?! Sonderangebot bei Addams? Immer rein in den Haufen, am besten oben drauf! Arcade? Klicken, bis sich die Fingerkuppe häutet! FaMESHED? Ja klar war ich dort – habe mich durch den ersten Besucherstrom durchgerempelt!
Ist DAS etwa mein wahres Wesen? Bin ich ein Rüpel, der sich in RL lediglich mit einer dünnen Zivilisationstünche verkleidet? Bestehe ich etwa aus einer Mrs. Jekyll und einer Mrs. Hyde?

Shelter for Four Horns

Vor einigen Tagen habe ich ein Bild bei Flickr eingestellt mit dem Titel „Shelter for Four Horns“. Ich bekam viele „Sternchen“ und liebe Kommentare dazu. Einer der Kommentatoren, Zach.Larsen, wollte die Geschichte hören, die zu diesem Bild gehört.

Hier ist sie.

Es ist nun schon ein paar Jahre her. Die dunkle Jahreszeit war wieder angebrochen, ein eisiger Wind fegte über die Felder, und auf den Wiesen lag schon der erste Schnee. In ein paar Wochen würde es Weihnachten sein – wieder einmal ein einsames Fest, wie schon einige davor.

Das Wochenende war fast vorbei, und am nächsten Tag würde wieder eine harte Arbeitswoche beginnen. Deshalb beschloss ich, trotz des mehr als unbehaglichen Wetters noch einen Abendspaziergang zu unternehmen. Vielleicht würde mir der Wind die trüben Gedanken fortblasen. Ich packte mich mit meiner roten Plüschjacke warm ein. Auf der Suche nach einer wärmenden Mütze öffnete ich das entsprechende Schubfach und begann herumzuwühlen. Aus einer unbegreiflichen Laune heraus griff ich mir das braune Strickwerk, das mir ein Neffe zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte. Die „Mütze“ war selbstgestrickt, auf der Vorderseite mit einer aufgestickten Schafsnase versehen, rechts und links jeweils ein ziemlich schlabberiges, langes Ohr und als – buchstäbliche – Krönung ragten aus der Oberseite zwei lange, gebogene Schafshörner heraus. Handgehäkelt und nicht ganz symmetrisch. Ich hatte es seinerzeit nicht übers Herz gebracht, diese Unsäglichkeit dem Mülleimer zuzuführen. Aus eigener, leidvoller Erfahrung im Umgang mit der Strick- und Häkelnadel wusste ich das Engagement und die Mühsal des Neffen durchaus zu schätzen.

Ich stülpte mir also das braune Gehörn auf den Kopf, und in der Hoffnung, dass mich niemand erkennen möge, zog ich mir die Mütze bis auf die Nase herunter. Im Hellen hätte ich mich damit niemals damit auf die Straße getraut, schließlich hatte ich als Abteilungsleiterin einer bekannten Firma einen Ruf zu verlieren. Aber es dunkelte bereits stark, und die Straßen waren menschenleer.

So verließ ich das wärmende Haus, den Kopf tief in den Jackenkragen gezogen und marschierte gegen einen eisigen Wind in unseren nebenan liegenden Park. Hier war es noch stiller als auf den Straßen, nicht ein einziger gesundheitsbewusster Jogger war zu sehen, kein mutiger Fahrradfahrer strampelte in der Eiseskälte herum. Ich ging forschen Schrittes über den knirschenden Weg, die Hände tief in den Taschen vergraben, und tausenderlei Gedanken wanderten durch meinen Kopf.

Da plötzlich! War das nicht ein Schluchzen? Ich blieb stehen und sah mich im Dämmerlicht um. Und wieder hörte ich es! Ein leises, verzweifeltes Weinen, und es schien aus dem Gebüsch links vor mir zu kommen. Ich näherte mich langsam und vorsichtig dem Buschwerk – wer hätte nicht schon von Überfällen auf einsame Damen in finsteren Parks gehört und gelesen?

„Ist da jemand?“, sprach ich nicht sehr intelligent in das Geäst hinein. „Kann ich helfen?“ – Stille. – Nur die Sirene eines Krankenwagens etliche Straßen weiter. Dann ein Schniefen.
Das klang nicht besonders gefährlich. Welcher Berufsräuber geht bei Eiseskälte mit Schnupfen auf Raubzug?
„Wenn ich helfen kann, dann tue ich das gerne!“, nahm ich einen erneuten Anlauf. Wobei ich mich im Stillen fragte, ob diese Aussage tatsächlich der Wahrheit entsprach. Ich nahm mir vor, bis 10 zu zählen und dann guten Gewissens weiter meiner Wege zu ziehen. Probleme hatte ich eigentlich selber schon genug, und immerhin hatte ich meinen guten Willen unter Beweis gestellt.

Jetzt aber konnte ich ein Rascheln vernehmen. Ein schniefendes Rascheln, wenn man so will. Einige Äste des kahlen Buschwerks bewegten sich, und etwas Dunkles, Kleines brach sich seinen Weg durch knackende Äste. Als das Etwas vor mir stand, konnte ich es im entfernten Dämmerschein der Straßenlaterne kaum erkennen.

„Bist du eine Tante?“, erklang vor mir ein zitterndes, hoffnungsvolles Stimmchen. Ich bückte mich, um das Wesen näher in Augenschein zu nehmen, und da stand doch tatsächlich ….. ein kleiner Stier. Ein winzig kleiner, brauner Stier mit zwei Hörnern oben auf dem Kopf. Zwei Hörnern …..! Und ich hatte auch zwei Hörner, wenn auch keine naturgewachsenen. Daher die Verwechslung mit der Verwandtschaft.

„Ich, … äh, …. also ich bin … äh … nicht unbedingt eine Tante“, hörte ich mich stottern. „Wo sind denn deine Tanten? Oder deine Mama?“, fuhr ich mutig fort, um das Gespräch in Gang zu halten. Dabei blickte ich argwöhnisch links und rechts über die Schulter, um eine eventuell versteckte Kamera zu finden.
An dieser Stelle brach mein Gegenüber in weiteres, haltloses Schluchzen aus. Das ganze kleine, rundliche Körperchen zitterte. „Ich weiß nicht, sie waren plötzlich alle *schnief* weg!“, wimmerte das Stimmchen. „Ich habe mir nur einen *schnief* Baum genau angesehen, und dahinter saß *schnief* dann ein Häschen, und *schnief* dann haben wir beide Fangen gespielt und dann waren sie alle *schnief* plötzlich weg! Und ich habe *schnief* gesucht und gesucht. Und es war so *schnief* kalt! Und *schnief* dunkel! Und wenn du gar keine *schnief* Tante bist, was soll ich dann jetzt tun?“ Und schon floss ein neuer Tränenstrom über fellige Wangen.

Ich zumindest tat das Naheliegendste und wühlte in meiner Jackentasche nach einem Taschentuch. Das war ja nicht mit anzusehen. Ein schniefendes Etwas, das sicht nicht einmal selbst die Nase putzen konnte.
Ich ging also in die Hocke und wischte dem bemitleidenswerten Tierchen die Nase und die Äuglein trocken. Dabei versuchte ich, tröstende Worte zu finden: „Wir finden deine Mama und die Tanten! Ganz sicher tun wir das! Ich helf‘ dir dabei, und du wirst sehen, wie schnell du wieder daheim bist! Versprochen!“
„Ganz wirklich? Versprochen?“, klang es mir schon nicht mehr ganz so verzagt entgegen.
„Versprochen!“

Und so machten wir uns auf den Weg. Eine nicht mehr ganz taufrische Weibsperson mit einer schafs-ohrigen, gehörnten, braunen Strickmütze auf dem Kopf und ein kleiner, pummeliger, brauner Stier.
Wir gingen zuerst den Wegen nach, später dann mitten über die Wiese und riefen zwischendurch nach seiner Mama und seinen Tanten. Namen kannte er keine, was die Sache etwas erschwerte. Ich kam mir denn auch reichlich albern vor, als ich laut brüllend „wir suchen die Mama vom kleinen Stier“ durch den dämmernden Park wanderte. Mein kleiner Begleiter rief ebenfalls mit seinem dünnen Stimmchen „Maaaamaaaa!“ Wir müssen ein seltsames Gespann gewesen sein. Zur Aufmunterung erzählte ich dem kleinen Stier alle Märchen, die ich aus meiner Kindheit noch kannte, wobei ich schon mal Aschenputtel mit dem Tapferen Schneiderlein vermengte. Die Hauptsache war allerdings „Ende gut, alles gut“, und nur darauf kam es schließlich an.

Allmählich wurden wir müde, und es wurde immer kälter und dunkler. Die Märchen gingen mir ganz langsam aus, meine Weisheit ebenfalls. Ganz leise schlich sich so etwas wie Verzweiflung in mein Herz. Wir blieben stehen.

Plötzlich gingen die Sterne auf, viele von ihnen leuchteten am Himmel und drangen durch den Dunst des Winterabends. In ihrem Licht konnten wir nicht weit von uns entfernt eine schneebedeckte Hütte sehen. Eigentlich mehr ein Dach, unter dessen Schutz man Wildtiere füttert. Dieser Platz gab uns beiden Hoffnung und wir liefen beinahe darauf zu.

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Wirklich fanden wir eine ganze Raufe voller Heu. Frisches duftendes Heu, das erst vor kurzem aufgefüllt worden war, und das sich noch fast warm anfühlte. Ich häufte die weichen Halme um uns herum und wir kuschelten uns beide hinein. Ich konnte sogar die Handschuhe ausziehen, um den kleinen Stier zu streicheln und fest an mich zu drücken. Wir gaben uns gegenseitig Kraft und Wärme, seine Augen strahlten mich voller Vertrauen an. Er erzählte mir von seiner Mama und den Tanten und der bunten, sonnigen Blumenwiese, die es gegeben hatte, als er auf die Welt gekommen war. Und ich erzählte ihm von meiner Kindheit mit meinen Schwestern und ebenfalls von den Blumenwiesen, die wir damals durchstreift hatten. Das schützende Heu schuf Behaglichkeit, und schließlich schliefen wir alle beide, eng aneinandergeschmiegt, ein.

Ich wurde wach, weil irgendetwas anders war. Im Arm hatte ich immer noch das Gewicht des kleinen Pummelchen, aber da war das Gefühl beobachtet zu werden. Erschreckt öffnete ich die Augen. Ich sah … Kühe. Eine Menge Kühe. Eine davon stand in unserer Hütte, die anderen umrundeten das Gebäude. Von meiner plötzlichen Bewegung aufgeweckt, öffnete auch der kleine Stier die Augen.

„MAMA!“

Und er strampelte sich aus meiner schützenden Jacke und dem umgebenden Heu und lief mit kleinen, ungelenken Schritten zu seiner Mutter. Er wurde ausgiebig beschnuppert und beleckt, auch die Tanten kamen näher, um den Ausreißer zu begrüßen. Es herrschte Freude und Ausgelassenheit, soweit ich das von einer Kuhherde behaupten kann. Meine Kenntnisse darüber sind relativ beschränkt.

„Aber du hast ja weiße Flecken!“, rief ich verwundert, als ich den kleinen Stier vor mir stehen sah. „Du warst doch gestern ganz braun!“ Der kleine Stier drehte seinen Kopf und versuchte nach hinten zu sehen. „Ooooh!“, sagte er.

Die Kuh-Mama sah mich mit ihren klugen, dunklen Augen an.
„Weißt du denn nicht,“ sprach sie mich an „dass immer etwas abfärbt, wenn man jemanden lieb hat?“ Und sie sah vielsagend auf meine hellen Handflächen.
Damit drehte sich die ganze Herde um und schritt in den anbrechenden Morgen hinaus. In ihrer Mitte den kleinen, weißfleckigen Stier, der sich bestimmt nicht mehr verirren würde. Ich blieb zurück in einer überdachten Futterkrippe auf dem Boden sitzend, Haare und Kleidung voller Heu, und in meinem Herzen war die pure Freude.

Seit dieser Nacht habe ich ein kleines, braunes Muttermal auf der linken Wange.

 

 

 

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Shelter for Four Horns von Leonorah Beverly ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

„Wou issn as Hirn?“

Diese provokante Frage der bodenständigen, fränkischen Metzgersgattin Herta Boggnsagg kommt mir täglich in den Sinn, wenn ich im Marketplace stöbere.

Es gibt dort bekanntlich die Option, zusätzlich zum Titel des Verkaufsartikels auch noch ein Bild einzustellen. Der Titel als solcher wird normalerweise von der Bezeichnung des Inventar-Items übernommen, sollte also eigentlich korrekt sein. Beides soll dazu dienen, in Verbindung mit dem deutlich dargestellten Angebotspreis dem Kaufwilligen das eigene Sortiment übersichtlich und schmackhaft zu machen. In der „Vollanzeige“ des Objekts kann man dann weitere Einzelheiten erläutert sehen.
So sollte es sein, und gottlob ist es bei der überwiegenden Anzahl der Verkäufer auch so.

Das Webformular, das man dazu als „Händler“ ausfüllen muss, scheint zunächst geballt unübersichtlich und man muss sich erst einmal durchkämpfen. Sobald man glaubt fertig zu sein, kann man „speichern“ und sich die frische Auflistung anzeigen lassen. Dies ist offenbar eine weitgehend unbekannte Funktion. Ebenso unbekannt scheint die Tatsache zu sein, dass man im Falle eines Fehlers ALLES an der Beschreibung wieder ausbessern kann. ALLES.
Ja, es geht sogar so weit, dass man einen komplett verhudelt dargestellten Artikel wieder löschen (sprich: zurück ins Inventar nehmen) und das Angebot ganz neu von vorne wieder aufbauen kann.

Ich lege hier eine Schweigeminute ein und lasse diese weltbewegenden Erkenntnisse erst einmal beim Leser geistig einsickern.

All diese Prämissen im Hinterkopf, betrachten wir nun in aller Ruhe das Angebot auf dem Marketplace.
Hier insbesondere die Dinge, die unter dem Suchbegriff  „Gacha“ aufgelistet sind. Am besten, man lässt sich die folgende Trefferliste sortieren mit „Neuestes: zuerst“. Das ist es nämlich, was ich täglich mache, weil ich ständig auf der Jagd nach möglichst preisgünstigen Gacha-Artikeln bin, die mir in meiner Sammlung noch fehlen.

Und schon schwindet die Ruhe, die man ursprünglich beim Erscheinen der Trefferübersicht hatte. Die mentale Ausgeglichenheit, derer man sich bis zu diesem Zeitpunkt erfreut hat, ist dahin. Da ist seitenlang immer wieder dasselbe Bildchen zu sehen, die Artikelbezeichnung darunter ist ebenfalls überall die gleiche, aber halt! – der Preis variiert! Was soll uns das sagen?
Ich setze mir die gute Lesebrille auf die Nase und sehe genau hin. Wenn man nun Glück hat, ist auf den diversen Bildchen ein bestimmter Artikel durch einen Kreis (oder sonstige Hinweise) markiert. Aha, DAS ist gemeint!

Nein, nicht aha. Gar nicht aha. Drunter steht eine völlig abweichende Artikelbeschreibung!! Die Markierung auf dem Bildchen war also gar kein Glück, sondern soll nur zur weiteren Verwirrung des potentiellen Käufers beitragen!
Was verkauft das Mensch nun? Das im Bild markierte Teil oder dasjenige Stück, das als Artikelbezeichnung genannt ist? Oder ganz was anderes? Denn auch das kommt gerne vor – das Bild hat mit der Artikelbezeichnung überhaupt nichts zu tun. Das Bild kennt man von einer bekannten Skin-Marke, die Artikelbezeichnung deutet auf ein Möbelstück oder ein Companion-Tierchen hin. Oder ein Flugzeug oder Hausschuhe oder bunte Nasenklemmen.
Wat nu?

Der kultivierte Mensch ruft sich selbst zur Contenance und klickt nun wissbegierig auf eines der dargestellten Objekte, um sich die Beschreibung zur Gänze anzusehen und eventuell zu erfahren, was man von diesem Verkäufer ergattern könnte. Und was liest man da – mit hervorquellenden Augen und langsam anschwellenden Zornesadern?
„I am clearing my inventory. I am not the creator of this item and cannot give refunds.“ – Ende der Beschreibung.

An dieser Stelle entgleise ich für gewöhnlich und brülle den völlig unschuldigen Monitor vor mir an: „Zum Teufel, WHAT ITEM???“ In der Folge bedenke ich den Verkäufer noch mit einigen herzhaften bayerischen Verbalinjurien, lese den Namen des Trottels, der das Angebot reingesetzt hat und vermeide nach Möglichkeit alle anderen Auflistungen dieses Menschen.

Ein wirklich außergewöhnliches Beispiel einer aussagekräftigen Marketplace-Auflistung habe ich hier angefügt. Das ist kein Fake, das habe ich vorhin gefunden, als ich mir die neuesten Angebote durchgeschaut habe.

gacha_marketplaceDieses Angebot heißt wahrlich das Prinzip von „Gacha“ auf die Spitze zu treiben. „Zahl 15 Linden, und du kriegst IRGENDWAS dafür.“ Immerhin ist es trans, was man da kriegt. Wenn man’s denn kriegt …
Die Dame auf dem Foto scheint mir allerdings grade einen „Vogel“ zeigen zu wollen. Diese Geste – in Kombination mit der fehlenden Haarpracht und den katastrophal angehängten Wimpern – trägt nicht gerade zur Vertrauenswürdigkeit des Ladens bei.

Was treiben unsere Avatare eigentlich tagsüber?

Eine Frage, die nicht nur ich mir schon öfters gestellt habe.

Man loggt irgendwann nächtens aus und geht zu Bett. Also man selbst, in echt, im realen Leben, körperlich. Den Avatar lässt man – vermeintlich – gut aufgehoben irgendwo in SL zurück. Normalerweise gehe ich dazu auf mein Heimatgrundstück. Es gibt aber Leute, die legen ihren Avatar sogar mit Nachtkleidung ins virtuelle Bett.  Nachdem sie ihm vorher einen Becher virtueller Milch mit Honig zu trinken gegeben haben, im Falle von vorheriger Aufregung eventuell sogar unter Zugabe von virtuellem Baldrian. Und dann denken sie, nein wir alle denken es (!), dass sich dieser unser Avatar beim Ausloggen in seine Pixel auflöst und somit auch Ruhe gibt. Man hat ihn abgeschaltet, er ist dematerialisiert, er ist non-existent, lediglich sein Profil ist für andere noch sichtbar.

Stimmt das?

KANN das überhaupt stimmen, wo wir diesen Gestalten doch so viel von uns selber mitgegeben haben? So viel von unserem eigenen Geschmack bei der Gestaltung und Kleidung, so viele Emotionen im Gespräch mit anderen, quasi einen eigenen Charakter, und nicht zuletzt: so viel von unserem Monatseinkommen (für angemessenes Aussehen und Wohnambiente)? Hat nicht auch der Avatar ein Recht auf ein eigenes Leben, unabhängig vom gesteuerten Zwang während unserer Anwesenheit?

Vielleicht mag unser Avatar überhaupt keine Disco- oder House-Musik, vielleicht würde er lieber Opern hören. Wir hüllen die Damen in wallende Abendroben, während sie möglicherweise am liebsten in Schlabberjeans rumlaufen würden. Oder gar – man mag im Interesse unserer US-amerikanischen Mitmenschen und Mitavatare gar nicht an diese widerliche Möglichkeit denken – am Ende gar nackich! Wir kaufen teuerste hochhakige Schuhe für unsere Mädels, wobei wir (zumindest der weibliche Teil meiner noch nicht vorhandenen Leserschaft) aus ureigenster und blasenbehafteter, leidvoller Erfahrung wissen, wie es sich auf Kopfsteinpflaster und über Sandböden damit läuft.
Wir drücken unseren Avataren niedliche Plüsch-Nilpferde in den Arm oder setzen ihnen kleidsame bunte Schnecken als Hütchen auf die Köpfe. Manchmal stecken wir ihnen sogar ungenießbare Pixel-Lutscher in den Mund. Ich würde ausrasten, wenn man mir das in Wirklichkeit zumuten würde. Okay, im Fasching vielleicht. Aber nur vielleicht.

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Aber zurück zur Frage: was treiben also unsere Avatare, während wir uns im Ersten Leben aufhalten? Gehen sie ihren eigenen Vorlieben nach? Haben sie einen Freundeskreis abseits von dem unseren? Liegen sie faul irgendwo am Strand oder machen sie Mount Linden-Erstbesteigungen? Gehen sie im Sommer zum Skilaufen auf eine Wintersim? Und während wir dann am PC unser Login eintippen, müssen sie alle ihre eigenen Tätigkeiten abbrechen, alles stehen-, fallen- und liegenlassen, um schleunigst wieder an ihren Ursprungsort zurückzuteleportieren. Wie anders würde es sich sonst erklären lassen, dass beim Einloggen manchmal Kleidungsstücke, Haare oder gar ganze Körperteile fehlen (oder gar dranhängen)? Manchmal beschleicht mich der deutliche Eindruck, Leo hätte ein ganz und gar hinterhältiges Grinsen im Gesicht, sobald ich den Kopf von ihr wegdrehe.

Und die beunruhigendste aller Vorstellungen: haben unsere Avatare ihrerseits vielleicht ebenfalls ein Zweites Leben?

……….. sind WIR vielleicht selber nur Avatare, ohne es zu wissen?

Der reale Stress des virtuellen Daseins

Ursprünglich hatte ich mich ins Zweite Leben begeben, um Ablenkung und Zerstreuung vom Ersten zu finden. Dies ist zweifellos auch der Fall, ich will nicht meckern. Ich bin sowohl abgelenkt als auch zerstreut.

Mittlerweile bin ich soweit, dass mir die Verpflichtungen in SL allmählich über den Kopf wachsen. Hier hat man einen Zahlungstermin für die Landmiete, dort hat man einen Termin, um Bilder für eine Ausstellung abzuliefern, allabendlich steht das gemeinsame Tanz- und Chatvergnügen auf dem Programm. Außerdem gibt es zig Events (hauptsächlich natürlich Shopping-Events), bei denen man unbedingt vorbeigeschaut haben muss, um seine hart verdienten Kröten in virtuellen Schnickschnack umzuwandeln und – nicht zuletzt, um Freebies abzustauben.

Freebies – der nächste Stressfaktor in SL. Wo gibt’s was Schönes, was Gutes, was qualitativ Hochwertiges umsonst? Da muss man hin, das muss man sich geholt haben! Es hat etwas von der Jagd- und Sammelmentalität zu tun, die sonst nur unseren männlichen Vorfahren der Steinzeit gutgeschrieben wird. Es gibt zig Flickr-Gruppen, die Fotos von Freebies sammeln, leider Gottes ist ein Gutteil der wunderbaren Sachen davon dann gar nicht kostenlos, sobald man sich die Mühe macht und auf den zugehörigen Blog-Beitrag klickt. Ärgernis. Dann gibt es natürlich auch noch fleißige Blogger, die uns ihre täglichen Freebie-Fundstücke näherbringen, ohne qualitative Unterschiede zwischen den gefundenen Geschenken zu machen. Die Unterschiede muss man dann schon selber rausfinden. Und ganz zum Schluss gibt es noch die Hunts, die ein Zeitfresser ersten Grades sind. Hat man schließlich das 114. begehrte Hunt-Objekt im 114. Laden lokalisiert, geht’s ans Auspacken. Auch das dauert für gewöhnlich seine Zeit. Und hierbei stellt man in aller Regel fest: das meiste Zeug gefällt einem gar nicht oder ist schlicht billiger Ramsch. Also ab in den Papierkorb damit. Und weiter zum nächsten Termin!

sunday_raidDa kommt es dann völlig ungelegen, wenn der neue Grundstücksnachbar eine Einsamkeits-Phobie entwickelt und einen bei jedem Login stante pede mit IMs überschüttet. Dass er sich schon wieder von einer Freundin getrennt hat, dass er die nächste (übrigens grottenhäßliche) Skybox erworben und (ebenso grottenhäßlich) neu eingerichtet hat. Man möge seine Meinung zur neuen Behausung kundtun und sein Bedauern über die Instabilität der virtuellen Weibspersonen äußern. Der gute Mann ist bereits im fortgeschrittenen Rentneralter, aber scharf wie Nachbars Lumpi. Dabei aber seit mehreren Jahrzehnten glücklich in RL verheiratet, wie er mir immer wieder versichert. Es dauert nicht mehr lange, und ich entwickle eine Nachbars-Phobie. Und nachdem er mich eine ganze Stunde lang aufgehalten hat, fragt er mich noch, was ich eigentlich die ganze Zeit so treibe in SL. Ich setze mich auf meine Hände, um nicht eine Bosheit in die Tastatur einzutippen.

Jetzt ist es also soweit ….

… und ich fange auch noch zu bloggen an. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so tief sinke. Aber ich habe ein ziehendes Drängen (oder auch ein drängendes Ziehen) in meinem Inneren gefühlt, und diesem gebe ich nach. Möglicherweise handelt es sich nur um ein Hungerfühl, aber zu Essen habe ich grade nichts da. Zum Tippen hingegen schon.

Zunächst mal die Information: dieser Blog handelt von einer real-fiktiven weiblichen Person namens Leonorah Beverly (in der Folge „ich“ oder auch „Leo“ genannt). Leo lebt, wirkt und arbeitet in Second Life®. Eigentlich gibt sie dort meistens nur Geld aus (leider durchaus reales), beim Arbeiten erwischt man sie eher selten. Leo hat am 27. September 2008 das Licht der Linden Labs-Welt erblickt.

Ich grüble noch, unter welches Motto ich meinen Blog stellen will. Es gibt ja die ausgeklügeltsten Themen und Fragestellungen: „Second Life und die Vergrößerung von Nabelflusen“, „Wie entkleide ich mich am schnellsten mitten auf der Tanzfläche eines belebten Clubs?“, „Welchen Inventarordner trage ich am besten am linken Ohr?“, „Statistische Erhebung über die durchschnittliche Anzahl der Teleportversuche zum Arcade-Event, unter Berücksichtigung des Erschöpfungsgrades des rechten Zeigefingers“, „Gibt es Nasentröpfchen schon als Mesh oder muss ich auf Sculptie-Schnupfen sitzenbleiben?“ – um nur einige der drängendsten herauszugreifen.

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