Versuch einer Verhaltensanalyse

Letztens war mal wieder eine Hunt. Das ist nichts besonderes, es laufen ja andauernd dutzende davon in SL, und zwischendurch MUSS ich sowas einfach haben. Diese hieß „XOXO“-Hunt und zeichnete sich dadurch aus, dass man zuerst im jeweiligen Shop ein bestimmtes Plakat finden musste; anschließend stellte man sich davor und sprach laut im Chat „XOXO“ – das bedeutet offensichtlich soviel wie „Küsschen“.  Wenn man nun Glück hatte, erhielt man das Huntgift, das vom Shopbesitzer zur Verfügung gestellt worden war, wenn man aber Pech hatte (und das geschah reichlich oft), erhielt man eine Meldung, man möge seine Fähigkeiten beim Küsschengeben verbessern. Das ganze durfte man nur einmal pro Tag = alle 24 Stunden wiederholen.

Also ehrlich: irgendwie war es mir grausam peinlich, mich vor den Augen anderer mitten in einen Laden zu stellen und „XOXO“ zu quäken. Damit auch jeder gleich wusste, dass man auf das Huntgift scharf war. Nichtsdestotrotz habe ich es natürlich getan, denn anders kam man ja überhaupt nicht an das gewünschte Teil dran. Auf diese Art habe ich immerhin das nette Kleid von Junbug ergattert, allerdings blieben mir die Stiefel von <NameVergessen> verwehrt. Ich gestehe auch, dass ich einmal ohne „XOXO“ das Geschäft verlassen habe, weil zu viele andere Avatare dieses Plakat umlungerten und ich mir vorkam wie eine streunende Straßenkatze, die „zufällig“ zur Fütterungszeit am Tierheim vorbeikommt.

In wiederum einem anderen Laden war offenbar das „XOXO“-Skript defekt, denn man erhielt weder ein Gift noch eine Meldung über den Mißerfolg. Hier nun wurde es eigentlich erst richtig unterhaltsam.
Ich hatte also schon einige Male mein Sprüchlein – erfolglos – aufgesagt, als eine vollbusige Blondine neben mir materialisierte. Höflich wie ich bin, schritt ich ein Stück zur Seite und hüllte mich in Schweigen. Die Dame war noch nicht richtig gelandet, da sprach sie schon „xoxo“ (in Kleinbuchstaben). Es tat sich nichts. – Pause. – Dann nochmal „xoxo“. – Pause. – Nachdenken.
– XOXO
– XOXO
– XoXo
– xOxO
– OXXX
– x – o – x – o
– xoxo

Mein Grinsen war inzwischen zu einem glucksenden Kichern gediehen, bloß gut, dass ich kein Voice habe.
Inzwischen war auch noch ein Herr gelandet, der augenscheinlich ebenfalls auf der Jagd nach dem Huntgift war. Und so entspann sich eine …. eine „Konversation“ kann man es nicht nennen, „Zwiegespräch“ eigentlich auch nicht. In einem verbissenen Wettbewerb testeten die Beiden sämtliche Schreibvarianten der Buchstabenfolge „XOXO“, ohne dass sich etwas tat. Doch, es tat sich etwas: ich hielt mir den Bauch vor Lachen und kam mit Tränenwischen nicht nach.

Das sind die Momente, in denen Second Life für mich persönlich seinen wahren Wert entwickelt. Man kann psychologische Studien noch und nöcher anstellen. Was treibt einen (vermutlich) erwachsenen Menschen dazu, sich in lächerlicher Weise vor anderen bloßzustellen, nur um ein paar rote Lederarmbänder aus Farbpixeln zu erhalten? Und: wie weit würde man sich selbst der Würdelosigkeit preisgeben, um schwarze Lederstiefel – ebenfalls aus Farbpixeln – kostenlos in sein Inventar aufnehmen zu können? Ist  immer noch der Ur-Instinkt des Sammelns und Jagens in uns aktiv, der sich erst virtuell zu wahrer Blüte entwickeln kann? Nimmt uns die vielzitierte Anonymität des World Wide Web jegliche Scham? Dabei ist man ja in Second Life nicht wirklich „anonym“ im exakten Wortsinn, denn man trägt ja einen Namen. Einen Namen, den man sich selbst gegeben hat und unter dem man mit anderen Menschen interagiert. Einen Namen, der – bei genauer Betrachtung – weltweiten Bekanntheitsgrad hat. Wenn’s dumm läuft, ist dieser SL-Name wesentlich bekannter als der RL-Name, der im Reisepass zu finden ist.

In „echt“ würde ich mich bei einem Schlussverkauf keinem Wühltisch auf mehr als 50m nähern. Ich bin diejenige, die immer noch auf dem Bahnsteig steht, wenn die überquellende U-Bahn abfährt, weil ich es nicht fertig bringe, mich irgendwo rein- oder vorzudrängeln. Sogar wenn man mir einen Ferrari als Preis anböte, würde ich mich in keiner „Reality show“ als lebensechter Volltrottel prostituieren. Wieso also mache ich in SL das alles mit? Und auch noch mit wachsender Begeisterung!?! Sonderangebot bei Addams? Immer rein in den Haufen, am besten oben drauf! Arcade? Klicken, bis sich die Fingerkuppe häutet! FaMESHED? Ja klar war ich dort – habe mich durch den ersten Besucherstrom durchgerempelt!
Ist DAS etwa mein wahres Wesen? Bin ich ein Rüpel, der sich in RL lediglich mit einer dünnen Zivilisationstünche verkleidet? Bestehe ich etwa aus einer Mrs. Jekyll und einer Mrs. Hyde?