Shelter for Four Horns

Vor einigen Tagen habe ich ein Bild bei Flickr eingestellt mit dem Titel „Shelter for Four Horns“. Ich bekam viele „Sternchen“ und liebe Kommentare dazu. Einer der Kommentatoren, Zach.Larsen, wollte die Geschichte hören, die zu diesem Bild gehört.

Hier ist sie.

Es ist nun schon ein paar Jahre her. Die dunkle Jahreszeit war wieder angebrochen, ein eisiger Wind fegte über die Felder, und auf den Wiesen lag schon der erste Schnee. In ein paar Wochen würde es Weihnachten sein – wieder einmal ein einsames Fest, wie schon einige davor.

Das Wochenende war fast vorbei, und am nächsten Tag würde wieder eine harte Arbeitswoche beginnen. Deshalb beschloss ich, trotz des mehr als unbehaglichen Wetters noch einen Abendspaziergang zu unternehmen. Vielleicht würde mir der Wind die trüben Gedanken fortblasen. Ich packte mich mit meiner roten Plüschjacke warm ein. Auf der Suche nach einer wärmenden Mütze öffnete ich das entsprechende Schubfach und begann herumzuwühlen. Aus einer unbegreiflichen Laune heraus griff ich mir das braune Strickwerk, das mir ein Neffe zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte. Die „Mütze“ war selbstgestrickt, auf der Vorderseite mit einer aufgestickten Schafsnase versehen, rechts und links jeweils ein ziemlich schlabberiges, langes Ohr und als – buchstäbliche – Krönung ragten aus der Oberseite zwei lange, gebogene Schafshörner heraus. Handgehäkelt und nicht ganz symmetrisch. Ich hatte es seinerzeit nicht übers Herz gebracht, diese Unsäglichkeit dem Mülleimer zuzuführen. Aus eigener, leidvoller Erfahrung im Umgang mit der Strick- und Häkelnadel wusste ich das Engagement und die Mühsal des Neffen durchaus zu schätzen.

Ich stülpte mir also das braune Gehörn auf den Kopf, und in der Hoffnung, dass mich niemand erkennen möge, zog ich mir die Mütze bis auf die Nase herunter. Im Hellen hätte ich mich damit niemals damit auf die Straße getraut, schließlich hatte ich als Abteilungsleiterin einer bekannten Firma einen Ruf zu verlieren. Aber es dunkelte bereits stark, und die Straßen waren menschenleer.

So verließ ich das wärmende Haus, den Kopf tief in den Jackenkragen gezogen und marschierte gegen einen eisigen Wind in unseren nebenan liegenden Park. Hier war es noch stiller als auf den Straßen, nicht ein einziger gesundheitsbewusster Jogger war zu sehen, kein mutiger Fahrradfahrer strampelte in der Eiseskälte herum. Ich ging forschen Schrittes über den knirschenden Weg, die Hände tief in den Taschen vergraben, und tausenderlei Gedanken wanderten durch meinen Kopf.

Da plötzlich! War das nicht ein Schluchzen? Ich blieb stehen und sah mich im Dämmerlicht um. Und wieder hörte ich es! Ein leises, verzweifeltes Weinen, und es schien aus dem Gebüsch links vor mir zu kommen. Ich näherte mich langsam und vorsichtig dem Buschwerk – wer hätte nicht schon von Überfällen auf einsame Damen in finsteren Parks gehört und gelesen?

„Ist da jemand?“, sprach ich nicht sehr intelligent in das Geäst hinein. „Kann ich helfen?“ – Stille. – Nur die Sirene eines Krankenwagens etliche Straßen weiter. Dann ein Schniefen.
Das klang nicht besonders gefährlich. Welcher Berufsräuber geht bei Eiseskälte mit Schnupfen auf Raubzug?
„Wenn ich helfen kann, dann tue ich das gerne!“, nahm ich einen erneuten Anlauf. Wobei ich mich im Stillen fragte, ob diese Aussage tatsächlich der Wahrheit entsprach. Ich nahm mir vor, bis 10 zu zählen und dann guten Gewissens weiter meiner Wege zu ziehen. Probleme hatte ich eigentlich selber schon genug, und immerhin hatte ich meinen guten Willen unter Beweis gestellt.

Jetzt aber konnte ich ein Rascheln vernehmen. Ein schniefendes Rascheln, wenn man so will. Einige Äste des kahlen Buschwerks bewegten sich, und etwas Dunkles, Kleines brach sich seinen Weg durch knackende Äste. Als das Etwas vor mir stand, konnte ich es im entfernten Dämmerschein der Straßenlaterne kaum erkennen.

„Bist du eine Tante?“, erklang vor mir ein zitterndes, hoffnungsvolles Stimmchen. Ich bückte mich, um das Wesen näher in Augenschein zu nehmen, und da stand doch tatsächlich ….. ein kleiner Stier. Ein winzig kleiner, brauner Stier mit zwei Hörnern oben auf dem Kopf. Zwei Hörnern …..! Und ich hatte auch zwei Hörner, wenn auch keine naturgewachsenen. Daher die Verwechslung mit der Verwandtschaft.

„Ich, … äh, …. also ich bin … äh … nicht unbedingt eine Tante“, hörte ich mich stottern. „Wo sind denn deine Tanten? Oder deine Mama?“, fuhr ich mutig fort, um das Gespräch in Gang zu halten. Dabei blickte ich argwöhnisch links und rechts über die Schulter, um eine eventuell versteckte Kamera zu finden.
An dieser Stelle brach mein Gegenüber in weiteres, haltloses Schluchzen aus. Das ganze kleine, rundliche Körperchen zitterte. „Ich weiß nicht, sie waren plötzlich alle *schnief* weg!“, wimmerte das Stimmchen. „Ich habe mir nur einen *schnief* Baum genau angesehen, und dahinter saß *schnief* dann ein Häschen, und *schnief* dann haben wir beide Fangen gespielt und dann waren sie alle *schnief* plötzlich weg! Und ich habe *schnief* gesucht und gesucht. Und es war so *schnief* kalt! Und *schnief* dunkel! Und wenn du gar keine *schnief* Tante bist, was soll ich dann jetzt tun?“ Und schon floss ein neuer Tränenstrom über fellige Wangen.

Ich zumindest tat das Naheliegendste und wühlte in meiner Jackentasche nach einem Taschentuch. Das war ja nicht mit anzusehen. Ein schniefendes Etwas, das sicht nicht einmal selbst die Nase putzen konnte.
Ich ging also in die Hocke und wischte dem bemitleidenswerten Tierchen die Nase und die Äuglein trocken. Dabei versuchte ich, tröstende Worte zu finden: „Wir finden deine Mama und die Tanten! Ganz sicher tun wir das! Ich helf‘ dir dabei, und du wirst sehen, wie schnell du wieder daheim bist! Versprochen!“
„Ganz wirklich? Versprochen?“, klang es mir schon nicht mehr ganz so verzagt entgegen.
„Versprochen!“

Und so machten wir uns auf den Weg. Eine nicht mehr ganz taufrische Weibsperson mit einer schafs-ohrigen, gehörnten, braunen Strickmütze auf dem Kopf und ein kleiner, pummeliger, brauner Stier.
Wir gingen zuerst den Wegen nach, später dann mitten über die Wiese und riefen zwischendurch nach seiner Mama und seinen Tanten. Namen kannte er keine, was die Sache etwas erschwerte. Ich kam mir denn auch reichlich albern vor, als ich laut brüllend „wir suchen die Mama vom kleinen Stier“ durch den dämmernden Park wanderte. Mein kleiner Begleiter rief ebenfalls mit seinem dünnen Stimmchen „Maaaamaaaa!“ Wir müssen ein seltsames Gespann gewesen sein. Zur Aufmunterung erzählte ich dem kleinen Stier alle Märchen, die ich aus meiner Kindheit noch kannte, wobei ich schon mal Aschenputtel mit dem Tapferen Schneiderlein vermengte. Die Hauptsache war allerdings „Ende gut, alles gut“, und nur darauf kam es schließlich an.

Allmählich wurden wir müde, und es wurde immer kälter und dunkler. Die Märchen gingen mir ganz langsam aus, meine Weisheit ebenfalls. Ganz leise schlich sich so etwas wie Verzweiflung in mein Herz. Wir blieben stehen.

Plötzlich gingen die Sterne auf, viele von ihnen leuchteten am Himmel und drangen durch den Dunst des Winterabends. In ihrem Licht konnten wir nicht weit von uns entfernt eine schneebedeckte Hütte sehen. Eigentlich mehr ein Dach, unter dessen Schutz man Wildtiere füttert. Dieser Platz gab uns beiden Hoffnung und wir liefen beinahe darauf zu.

horns

Wirklich fanden wir eine ganze Raufe voller Heu. Frisches duftendes Heu, das erst vor kurzem aufgefüllt worden war, und das sich noch fast warm anfühlte. Ich häufte die weichen Halme um uns herum und wir kuschelten uns beide hinein. Ich konnte sogar die Handschuhe ausziehen, um den kleinen Stier zu streicheln und fest an mich zu drücken. Wir gaben uns gegenseitig Kraft und Wärme, seine Augen strahlten mich voller Vertrauen an. Er erzählte mir von seiner Mama und den Tanten und der bunten, sonnigen Blumenwiese, die es gegeben hatte, als er auf die Welt gekommen war. Und ich erzählte ihm von meiner Kindheit mit meinen Schwestern und ebenfalls von den Blumenwiesen, die wir damals durchstreift hatten. Das schützende Heu schuf Behaglichkeit, und schließlich schliefen wir alle beide, eng aneinandergeschmiegt, ein.

Ich wurde wach, weil irgendetwas anders war. Im Arm hatte ich immer noch das Gewicht des kleinen Pummelchen, aber da war das Gefühl beobachtet zu werden. Erschreckt öffnete ich die Augen. Ich sah … Kühe. Eine Menge Kühe. Eine davon stand in unserer Hütte, die anderen umrundeten das Gebäude. Von meiner plötzlichen Bewegung aufgeweckt, öffnete auch der kleine Stier die Augen.

„MAMA!“

Und er strampelte sich aus meiner schützenden Jacke und dem umgebenden Heu und lief mit kleinen, ungelenken Schritten zu seiner Mutter. Er wurde ausgiebig beschnuppert und beleckt, auch die Tanten kamen näher, um den Ausreißer zu begrüßen. Es herrschte Freude und Ausgelassenheit, soweit ich das von einer Kuhherde behaupten kann. Meine Kenntnisse darüber sind relativ beschränkt.

„Aber du hast ja weiße Flecken!“, rief ich verwundert, als ich den kleinen Stier vor mir stehen sah. „Du warst doch gestern ganz braun!“ Der kleine Stier drehte seinen Kopf und versuchte nach hinten zu sehen. „Ooooh!“, sagte er.

Die Kuh-Mama sah mich mit ihren klugen, dunklen Augen an.
„Weißt du denn nicht,“ sprach sie mich an „dass immer etwas abfärbt, wenn man jemanden lieb hat?“ Und sie sah vielsagend auf meine hellen Handflächen.
Damit drehte sich die ganze Herde um und schritt in den anbrechenden Morgen hinaus. In ihrer Mitte den kleinen, weißfleckigen Stier, der sich bestimmt nicht mehr verirren würde. Ich blieb zurück in einer überdachten Futterkrippe auf dem Boden sitzend, Haare und Kleidung voller Heu, und in meinem Herzen war die pure Freude.

Seit dieser Nacht habe ich ein kleines, braunes Muttermal auf der linken Wange.

 

 

 

 

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Shelter for Four Horns von Leonorah Beverly ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.